Ein Artikel des vorletzten SZ-Magazins ist überschrieben mit „Deutsche Frauen sagen nie das, was sie wirklich denken“. Im Artikel stehen Sätze wie dieser: „Inzwischen hat nicht mehr die Osteuropäerin oder Asiatin ein Imageproblem, sonder die deutsche Frau. Sie gilt häufig als hart, unnachgiebig, uncharmant.“ Oder dieser: „Deutsche Frauen sind emanzipiert, ihr Beruf ist ihnen wichtig. Männer dagegen bevorzugen die traditionelle Rollenverteilung: Die Frau darf klüger und schöner sein als sie, jedoch nicht gern selbständiger.“ (Ergebnisse einer Umfrage der soziologischen Fakultät der Freien Universität Berlin). Ich sollte hinzuschreiben, dass hier die mittelständische gesellschaftliche Schicht zitiert wird: der Ingenieur, Geschäftsmann, Angestellte – mit sicherem Gehalt, wenn auch nicht üppig.
Ich las und überlegte: Bin ich die deutsche Frau, die in diesen Sätzen charakterisiert wird? Gebe ich theoretisch meinem Partner einen Grund, seine liebesbedürftigen Fühler Richtung Osteuropa oder Asien auszustrecken? Ja – tue ich. Ich meckere, bin hin und wieder schlecht gelaunt, ich stelle Ansprüche und hab mal keine Lust auf Kuscheln, versuche selbständig zu sein oder mich wenigstens selbständig zu fühlen. Mein Beruf ist mir wichtig. Ich ziehe nur selten Absatzschuhe, knappen Rock und Bluse an. Aber: Ich sage, was ich denke. 
Weiterhin klärt der Artikel auf, dass die „anderen“ Frauen genügsamer, dankbarer sind. Sie würden sich schon freuen, wenn man ihnen die Tür aufhält, ihnen Blumen mitbringt. Stopp: Ich freue mich auch, wenn mir jemand die Tür aufhält – macht nur kaum noch einer. Ich freue mich auch, wenn mir jemand Blumen schenkt. Kein Unterschied. Aber vielleicht macht es mehr Spaß, einer Frau Blumen zu schenken oder die Tür aufzuhalten, von der man weiß, dass sie weiter nicht viel erwartet von ihrem Mann oder zumindest nicht offen ausspricht, was sie erwartet. Vielleicht sind Männer allein von der Wucht zu komplexer weiblicher Ansprüche an sie so erschöpft, dass sie es nicht einmal mehr schaffen, die Tür aufzuhalten.
Ich kann aber nichts dafür, dass ich Ansprüche habe. Denn mein Gehirn arbeitet zu betriebsam, um mich abzufinden – beispielsweise mit noch immer sanierungsbedürftigen gesellschaftlichen Gegebenheiten. Ich kann nichts dafür, dass ich mir im weitesten Sinne Gleichberechtigung wünsche. Gemeinsam einkaufen oder mal der eine, dann der andere. Abwechselnd kochen, zu gleichen zeitlichen Teilen für die Kinder sorgen, zu gleichen Teilen zum Einkommen beitragen. Warum finden viele Männer es noch immer toll, wenn man das Gesellschaftsmuster der 50er Jahre lebt. Mann arbeitet, Frau sorgt für Haus und Kinder (und geht eventuell ein bisschen arbeiten). Wissen Sie was daran ungerecht ist? Dass der arbeitende Mann sich innerhalb des Zwangs, arbeiten zu müssen, im besten Fall aussuchen kann, als was er arbeitet: Manager, Zahnarzt, Biobauer oder Ingenieur? Er hat sozusagen eine Wahl und damit zumindest eine Chance auf Zufriedenheit. Die Frau der 50er hatte keine Wahl: Haushalt oder Haushalt. Liebte Sie ihre Hausarbeit konnte sie glücklich werden. Ein Glück konnten sich die meisten Frauen mit dem Bild der glücklichen Mutter am Herd identifizieren. Doch die Zeiten haben sich geändert – Frauen wollen mehr. Männer wollen aber auch mehr: Sie wollen beruflich erfolgreiche Frauen, die gleichzeitig fürsorgliche Mütter und versierte Hirschgulaschköchinnen sind. Sie wollen sich aber keine Gedanken darüber machen, welches Geschenk man zum Kindergeburtstag mitbringt oder wie man die Spülmaschine sinnvoll einräumt, das muss noch immer die Frau erledigen, neben Kleinigkeiten wie Waschen, Putzen, Einkaufen und Bügeln. Ich weiß es gibt Ausnahmen, die gibt es immer. Doch insgesamt frage ich mich immer wieder: Wie soll das alles gehen? Wie soll das werden?
cos