Ehrlich gesagt, fällt es mir nicht immer leicht, glücklich zu sein. Glück ist ein Zustand, den man meist zufällig, als Zusammenspiel mehrer positiver Zustände erlebt. Auch indem man an schöne Dinge in der Zukunft denkt, kann man glücklich sein. Doch weder das glückliche Zusammenwirken einzelner Komponenten, noch das Heraufbeschwören zukünftiger Höhepunkte gelingen täglich, minutiös oder sekündlich. Also was kann man tun, um dauerhaft glücklich zu sein? In einer Zeitschrift las ich heute, dass man sich auf den Augenblick konzentrieren soll, auf den Duft von gutem Kaffee, das Lachen eines Kindes oder die angenehme Stimme eines anderen Menschen. Man soll sich auf diese Dinge konzentrieren und ihre göttliche Größe erkennen. Sollten die Gedanken abschweifen, soll man sich auf die gute Sache, die einem gerade widerfährt, zurückkonzentrieren. Hat man das lang genug getan, setzt das Glücksgefühl bald von selbst ein. Beim nächsten Mal fällt es noch leichter und irgendwann nach einigen Übungsstunden ist man grundsätzlich immer glücklich. So verspricht es der Text. Als ich aus dem Büro gehe, setze ich mich in eine kleine Bar, um noch in Ruhe einen Kaffee zu trinken. Als der duftende Kaffee mit professionell geschäumter Milchkrone in einer französischen Boule vor mir steht, bin ich glücklich. Gleich fällt mir das Gelesene ein und ich beschließe, diesen Moment besonders auszukosten. Neben der Tasse liegen zwei Amarettini (kleine Kekse, die nach Marzipan schmecken). Sie sind ideal, um sie elegant in den Kaffee zu tunken. Ich nehme eines der Kekschen, lege es, innig dem Augenblick zugewandt, auf den Löffel, um es bewusst in dem weichen Schaum untergehen zu sehen. Ich denke noch bei mir, es muss ein schöner Anblick für die anderen Gäste und den Barbesitzer sein, wie ich versunken und beseelt meinen Kaffee anhimmle. Plötzlich flutscht der Keks vom Löffel und rollt geräuschvoll unter die Bank. Was für ein Schock - der Glücksstrom ist unterbrochen. Aber nein, ich halte dagegen. Ich sinke um höchstmögliche Konzentration auf den neuen, schönen Moment bemüht, unter den Tisch, krieche auf allen Vieren weit hinter die Sitzecke und suche meinen verlorenen Glückskeks. Ich finde ihn schnell, muss lachen und bin glücklich – ich denke, ich habe den Text verstanden.
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