1. Teil

Den Telefonhörer unter das Ohr geklemmt, einen Arzttermin vereinbaren, während man die Wäsche aus der Waschmaschine zerrt und flüchtig auf die drängenden Fragen des Kindes antwortet – das ist Multitasking oder in der Fachsprache: Mehrprozessbetrieb. Der Begriff Multitasking stammt aus dem Bereich der Betriebssysteme und wurde für die menschliche Handlungsweise, zum Zweck der Effizienzsteigerung alles gleichzeitig zu tun, adaptiert. Die meisten Menschen rühmen sich Multitasking zu beherrschen. Unaufgeklärte Redner behaupten sogar, Multitasking sei eine Frauendomäne, so dass Männer sich wiederum erst Recht bemühen, perfekte Multitasker zu sein.
Nachdem auch ich eifrig an meiner Multitasking Show arbeitete, fiel es mir neulich wie Schuppen von den Augen: Multitasking ist riesengroßer Blödsinn und meiner Meinung nach eine zutiefst unmenschliche Handlungsweise. Es liegt vielleicht im Wesen von Maschinen mehrere Prozesse gleichzeitig auszuführen, sicher jedoch nicht in der Natur des Menschen.
Viele Erledigungen synchron zu bewerkstelligen, bedeutet fehlende Hingabe und nicht zuletzt abwesende Nächstenliebe. Unzureichende Aufmerksamkeit führt zu Fehlern, zu Ungenauigkeit, Oberflächlichkeit und zu Beklemmungen.
Vorausgesetzt jeder Mensch trägt ein Gespür für das Gute und Wahrhafte in sich, muss er sich doch eigentlich beim Multitasking unwohl fühlen – wenn vielleicht auch nur unterbewusst? Es kann einen Menschen unmöglich zufriedenstellen, wenn er von A nach B eilt, während er eine Leberkässemmel isst, die Plakataufschrift an der Hauswand gegenüber studiert und dabei die lange Liste mit noch zu erledigenden Anrufen abarbeitet.
Gewiss gibt es Tätigkeiten, bei deren Verrichtung man nicht unbedingt 100% bei der Sache sein muss und man sich durchaus einer zweiten Aufgabe zuwenden kann. Allerdings ist auch ein liebevoll aufgehängter Strumpf schöner anzusehen, als ein Strumpf, der entwürdigt über der Wäscheleine knittert und von den Nachbarn fälschlich als Putzlumpen angesehen wird.  
Die Zeit, die man sich beim Multitasking einzusparen glaubt, steht später wieder auf der Rechung, dann wenn man beispielsweise dem Kind Nachhilfe geben muss.
Es hat den Anschein, dass viele den Begriff Multitasking mit Multitalent verwechseln – für ein oder viele Talente braucht es allerdings wirkliche Hingabe.
Multitasking ist der Pickel auf der Nase einer Gesellschaft, die für Menschlichkeit offenbar wenig übrig hat. 
cos

(Foto: Pixelio)