Nach der Arbeit hatte ich noch ein wenig Zeit, bevor ich zum Kindergarten musste. Es war lange her, dass ich in der kleinen Café-Bar unseres Viertels eingekehrt war, in Ruhe einen köstlichen Kaffee getrunken und ein leckeres Grillgemüse-Sandwich gegessen hatte. Früher war ich jeden Tag dort. Kaum hatte ich den Laden betreten, stand auch schon ein duftender Kaffee vor meiner Nase. Ich war sozusagen Stammkundin – und musste nichts sagen. Heute wissen die dort wahrscheinlich nicht einmal mehr meinen Namen und ich muss natürlich wieder bestellen. Die Welt dreht sich eben schnell weiter. Heute wollte ich mich mal wieder zeigen und vor allem Kaffee trinken. Die Bar war bei den Müttern des Viertels sehr beliebt. Hier wurden nicht nur Kaffeespezialitäten und Neuigkeiten über die Theke gereicht, hier gab es obendrein legere Klamotten zu kaufen. Dieses Lifestyle-Verkaufskonzept war an Ausgepufftheit nicht zu überbieten und wirkte wie ein Magnet. Mütter mit großen Kindern kamen allein und Mütter mit kleinen Kindern brachten sie mit. Für die Kleinen gab es warmen Milchschaum. Es war kurz vor Ladenschluss, als ich hereinhuschte, um einen Kaffee bat und die Leute um mich herum beobachtete. Ein kleiner Junge schlürfte versunken seine Milch, bestellte noch eine und noch eine. Dabei bekleckerte er unbeeindruckt den Boden. Ich erinnerte mich an die Zeit, als ich mit meinem Kleinen dort war. Auch er war Milchschaumgenießer und verschüttete die Hälfte davon auf Tisch, Boden und Kleidung. Leicht angesäuert wischte ich dann hektisch alles auf – ich wollte um jeden Preis einen tadellosen Eindruck hinterlassen. Man musste mit seinem süßen Kleinkind ja nicht ständig und überall unappetitliche Spuren hinterlassen. Zu diesem Zweck hatte ich stets eine Packung „Feuchte Waschlappen“ in der Tasche und fand mich mustergültig ausgestattet. Der Junge neben mir besudelte noch immer die Fläche unter sich. Ich starrte abwechselnd auf die großen weißen Milchflecken und die Eltern. Er war mit Mama und Papa unterwegs. Die Mutter stand unbeteiligt an der Theke und trank ihren Kaffee. Hatte sie die Flecken überhaupt schon bemerkt? Der Vater stand ebenso unbeteiligt neben der Mutter und plauderte mit der Bedienung. In mir staute sich die Wut auf ignorante Eltern, die glauben, dass ihre Kinder überall Narrenfreiheit haben, nur weil sie klein und niedlich sind. Plötzlich bückte sich der Vater, nahm ein Taschentuch und verschmierte die Flecken großzügig, statt sie aufzuwischen. Im Geiste verglich ich die Milchschlieren mit dem glänzenden Boden, nachdem ich damals mit den feuchten Waschlappen die Flecken entfernt hatte. Doch wie das tendenziell bei der Ausübung häuslicher Arbeit von Männern ist, zählt wohl hier einzig der Wille. Die Barbesitzer werden eh regelmäßig wischen, wird er sich beim Aufputzen gedacht haben oder vielleicht auch gar nichts. Und beides ist effektiver als imeine hysterische Aufwischerei. 
cos