Gestern habe ich meine kleine Tochter zur Schule gebracht. Es war das erste Mal, dass ich sie zur Schule gebracht habe und es war wie es sein muss: die Schultüte war schwer, der Schulranzen noch sauber, ohne Flecken oder Dreckspuren, das Kleid feierlich, der Morgen frisch und kühl und die Aufregung groß. Zum Schulanfang oder Schulbeginn nach den Ferien mischen sich hierzulande immer auch herbstliche Eindrücke und die Gewissheit, dass der Sommer nun wirklich zu Ende ist. Als ich die Kleine heute sehr zeitig wecken musste und sie schläfrig, aber hellwach ihr Frühstück aß, entspann sich vor unserem Küchenfenster zarter Frühnebel. Sie sah hinaus und sagte: „Im Herbst ist es so schön, in die Schule zu gehen. Auf dem Weg kann ich Kastanien sammeln.“ Sentimentalität überfiel mich. Ich erinnerte mich an meinen Schulweg, an die Millionen von Kastanien, die ich gesammelt hatte und an den Frühnebel, der mich ebenso treu zur Schule begleitete wie meine Freundinnen. Sind die Schulbücher dieser Tage auch andere, wünschen sich die Kinder bereits mit 6 Jahren ein Nintendo-Spiel und begegnen ihnen unflätige Worte, deren Inhalt sie kaum kennen; einige Dinge ändern sich nicht: So auch die Freude über eine glänzende, perfekt geformte Kastanie, die man unmöglich liegen lassen kann. Kastanien sind eine Widmung des Himmels an denjenigen, der sie entdeckt. Kastanien sind ein freundlicher Gruß, den man erwidert, indem man sie beachtet. Kastanien sind Glück – erst dann, wenn man den Drang abwehrt, eine Kastanie vom Boden aufzulesen, ist man erwachsen geworden. Aber wer will das schon?
cos