Ich laufe zur Schule. Will mein Kind abholen. Es ist ein frostiger Nachmittag, aber das tut nichts zur Sache. Zwei Jungen laufen mir entgegen. Ich schätze sie auf etwa 12 Jahre. Als sie auf meiner Höhe sind, schnauzt mir einer der beiden ein arrogantes „Hallo“ an den Kopf. Er kam sich offenbar cool dabei vor. Ich bin nicht gerade für dauerhafte Sanftmut bekannt, so dass es schon mal und manchmal auch sehr leicht passiert, dass ich mich ärgere, aus der Fassung gerate. Diesen Ärger lasse ich allerdings an niemandem aus, außer eventuell an meinen Freunden, indem ich ihnen davon erzähle, aber sonst tauge ich nicht viel zum Revolutionär. Und dass das mit der Revolution auch nicht so leicht ist, zeigt ja die Geschichte. Man kann seiner Sehnsucht nach einem gerechten, angemessenem und guten Lauf der Dinge und dem Ärger darüber, dass es ganz und gar nicht so läuft, nicht ständig und überall Luft machen. Oder muss es gründlich planen. Die Jungs waren längst über alle Berge, als ich mich noch immer über ihre Überheblichkeit ärgerte und die möglichen Varianten durchspielte, was ich hätte erwidern können. 1. Zurückschnauzen: Macht keinen Sinn, dann wäre das Ziel erreicht, Erwachsene zu brüskieren. 2. Ignorieren: Gute Lösung, aber vielleicht gibt es noch eine bessere. 3. Freundlich zurückgrüßen: Man setzt sich dem Verdacht aus, begriffsstutzig zu sein und sorgt so unter Umständen für herzhafte Lacher. 4. Stehen bleiben und sagen: „Klasse, Du bist ja ein echt freundlicher Mensch. Ich bin Lehrer für Höflichkeitsformen und forsche außerdem an den Auswirkungen drastisch schrumpfender Umgangsformen auf die Gesellschaft. Ich fand das jetzt so toll, dass Du mich hier auf der Straße spontan grüßt, dass ich Dich gern einladen möchte, über Deine Motive zu referieren und wie man es schafft, ein so freundlicher und umgänglicher junger Mensch zu werden. Wann hast Du Zeit, einmal in meinen Unterricht zu kommen?“ Das war nach langem Überlegen meine Lösung. Was er wohl gesagt hätte?
cos