Genieß die Zeit! War ein Satz, den ich oft hörte, als frischgebackene Mama. Vornehmlich andere Mütter verteilten diesen Rat großzügig. Ein schöner Satz – wobei man sich bei näherer Betrachtung fragt, wie das mit dem Genießen eigentlich so richtig geht. Klar, man freut sich in einem Augenblick, spürt Glück, aber schon einen Moment später kann der Himmel über einem zusammenbrechen und hinüber ist die Freude. Dann schreit das Baby, man rätselt unerfahren was es hat, die Wäsche türmt sich, die Wollmäuse auf dem Boden vermehren sich und das Still-BH-Design macht es auch nicht besser. Egal, ein Baby ist wundervoll. Trotzdem gab es Momente in denen ich durchaus dachte: Bitte liebe Zeit, geh voran, mach, das es leichter wird. Und das hat sicher nichts mit Genießen zu tun. Nun sind meine Kinder größer, gehen in die Schule. Ich kann mit Ihnen sprechen. Sie putzen sich selbst die Zähne. Ich kann sie kurz allein lassen, wenn ich noch schnell etwas einkaufen muss. Erleichterungen für die ich dankbar bin. Die Babyzeit ist für immer vorbei – habe ich sie genossen? Ich denke irgendwie schon, aber irgendwie auch nicht. Naja und nun haben wir in unserem Haus einen Neuzugang. Ein Baby. Erst neulich treffe ich die stolze Mutter und wechsele das erste Mal seit der Geburt ihres Sohnes ein paar Worte mit ihr. Ich frage, wie das Baby schläft, wie es ihr geht und erkenne das Glück in ihren Augen. Und dann ringe ich um schöne Abschiedworte und höre mich tatsächlich sagen: „Genieß die Zeit!“. Eine andere Nachbarin kam hinzu. Ich war schon eine Treppe höher, hörte aber noch wie auch sie zur jungen Mutter sagte: „Genieß die Zeit!“ Ob sie wohl weiß, wie das geht?
cos