Unterhält man sich mit Freunden oder Kollegen fällt häufig die Aussage „Ganz ehrlich“. Manchmal auch als Frage formuliert, kommen diese beiden Wörter als eine Art Einleitung daher. Als Tusch sozusagen, der bedeutet: Jetzt mal aufgepasst – jetzt bin ich mal ganz ehrlich. Achte gut auf das, was ich sage, denn ganz ehrlich kriegst Du mich so schnell nicht wieder. Soso, denkt man sich dann als aufmerksamer Zuhörer: „Ganz ehrlich“ – aha! Und was ist sonst? Bist Du sonst nicht ehrlich? Oder überlegst Du Dir nur jetzt in diesem Moment ganz genau was und wie Du es sagst? Oder betreibst Du einfach nur sprachliches Recycling, weil das alle machen und es irgendwie interessant klingt“. Dieses „Ganz ehrlich“ hat sich hinterrücks in den Sprachgebrauch eingeschlichen hat, wie einst schon die  Phrase: „Nicht wirklich“. Das ist ungefähr so wie mit dem Valentinstag. Auf einmal war er da und keiner wusste so richtig woher und warum. Aber er war da und in aller Munde – vor allem in allen Geschäften. Eine ähnliche Ausgeburt der Abwesenheit sprachlicher Bewusstheit ist der Satz: „Was kann ich für Sie tun?“. Man hört ihn und erinnert sich augenscheinlich an Sätze wie „Darf’s noch was sein“. Der Satz schmeichelt sich so Service orientiert und dienstleisterisch ein, ist jedoch in den meisten Fällen auch einfach nur so daher gesagt. Man erinnert sich an geschultes, sprachlich automatisiertes Personal von Call-Centern. Wenn ich vor einem Arzt sitze, hoffend, er kann mir helfen, und der erste Satz, den mir der Herr mit dem weißen Poloshirt entgegenschlägt, lautet „Was kann ich für Sie tun?“, weiß ich, dass er sehr wahrscheinlich nichts für mich tun kann. Sondern ich etwas für ihn. Besonders schrecklich wird es, wenn Freunde oder Bekannte die Frage „Was kann ich für Dich tun?“ stellen. Ein Moment in dem klar wird, wer die Guten sind.  
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