Zu den Rechten eines Kindes zählt das Recht auf Meinungsäußerung. Bereits die ersten Schreie im Babyalter dürften entfernt als Meinungsäußerung durchgehen. Aber wo ist der Übergang von einer Meinungsäußerung zur bewussten Mitbestimmung bei Fragen des Familienalltages, Fragen des persönlichen Geschmackes und Fragen der persönlichen Entwicklung? Wo beschneidet und wo fördert man das Kind und wo erzieht man es einfach nur? Das Gesetz schiebt bei bestimmten, brisanten Themen den Riegel vor; Alkohol gibt es erst ab 18, das Wahlrecht gilt ab 18 – soweit so gut. Doch was ist mit einem zweijährigen Kind, das von seiner Mutter in einem Schuhladen gefragt wird, welches Paar Schuhe es denn haben möchte? Und was mit der Schuhverkäuferin, die den Launen des Kindes ausgesetzt, mindestens 10 Kartons aus dem Lager holt, von denen jeder einzelne mit einer Geste des Unmuts abgelehnt wird? Was ist mit der hilflosen Mutter, die denkt, sie greift in den Entwicklungsprozess ihres Kindes ein, wenn sie entscheidet, welches Paar Schuhe das richtige ist? Keiner ist glücklich und der Kauf des Schuhs eine Strapaze für die Nerven aller. Ein zweijähriges Kind möchte nicht entscheiden, welche Schuhe gut für es sind. Ein zweijähriges Kind lässt sich höchstens von einer applizierten Glitzerblume oder einer gefälligen Farbe hinreißen, jenes Paar Schuhe als das richtige auszumachen. Doch das sind Details, die nichts über die Eigenschaften eines guten Schuhs aussagen. Ist es nicht eher beschützend, wenn ich einem Kleinkind all die Entscheidungen abnehme, die es vom Spiel abhalten, vom Entfalten lebendiger Kreativität und intensiver Erfahrung der Dinge? Meist projizieren Mütter und Väter ihre eigene Entscheidungslosigkeit auf die Kinder und tun ihnen damit keinen Gefallen. Doch es kommt die Zeit, in der es richtig ist, das Kind nach seiner Meinung zu fragen. Dann spürt man, wie sich die Dinge entwickeln, dann möchte man gar nicht mehr entscheiden, welchen Kurs das Kind in den Sommerferien belegt. Plötzlich macht es Sinn, zu fragen: Möchtest Du lieber tanzen oder lieber Einrad fahren lernen? Es ist schön, wenn dieser Moment kommt, wenn man weiß, dass die Meinung des Kindes nun seinen wahren Zweck erfüllt, nämlich ernst genommen zu werden, dann wenn es darauf ankommt. Bis es soweit ist, sollten Kinder spielen dürfen. Spielen solang sie spielen können; man sehnt sich doch selbst nach den Jahren zurück, in denen man noch keine Entscheidungen treffen musste – gönnen wir unseren Kindern Zeit und das Recht auf Freiheit. Freiheit, keine unnötigen Entscheidungen treffen zu müssen und Freiheit, nötige Entscheidungen treffen zu können.
cos