Es beginnt mit der Geburt. Eltern, die sich ein Kind gewünscht, es vielleicht sogar lang geplant haben, beschützen und betütteln es, vom ersten Moment an, so gut sie nur können. Nichts soll dem Zufall überlassen sein, denn alles soll bestens werden. Sie wählen überlegt die passende Hebamme aus, den richtigen Kinderwagen und melden rechtzeitig einen Krippenplatz an – wissend, dass sie nach ein, zwei Jahren zurück in ihren Job wollen. Nicht jedoch auf Kosten des Kindes – das soll gut versorgt sein. Ein anderer Lebenslauf: Eltern, die plötzlich ein Kind bekommen, die vielleicht jung sind, deren sozialer Hintergrund instabil und deren Stand in der Gesellschaft wackelig ist – sie haben sich nicht um eine Hebamme bemüht. Sie sind weit davon entfernt, sich durch die Geburt des Kindes wie in Watte gebauscht zu fühlen. Sie sind überfordert und wissen nicht, wie es weitergeht. Wo sich für die einen Träume erfüllen, beginnt für die anderen eine schwerere Zeit, schwerer als sie es eh schon war. Und hier, genau an dieser Stelle, müsste Bildungspolitik greifen, müsste der Staat zur Stelle sein, als Unterstützer, als helfende Hand. Hier müssten erste Gelder fließen – in die Versorgung durch eine Hebamme, in die psychologische Hilfe bei Überforderung, in die stundenweise Betreuung der Kinder, während die Eltern arbeiten, vielleicht eine Ausbildung absolvieren. Denn Fakt ist, wer bereits einen Job hat, der bekommt den Krippenplatz vor dem, der keinen Job hat. Fakt ist, wer über entsprechende finanzielle Mittel verfügt, der wird das weiterhin tun – wer nichts hat, wird weiterhin nichts haben. Und dann werden die Kinder, die durch ein umsorgendes Familienumfeld und einen Betreuungsplatz wichtige Förderung erhalten haben, die guten Schüler sein. Später werden sie Abitur machen und studieren – unter Umständen gefördert durch ein Stipendium einer Hochbegabtenstiftung. So sieht er aus, der Lebensweg eines Mittelschichtkindes in Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Das andere Kind, dem kein Krippenplatz vergönnt war, weil die Eltern keinen Arbeitsplatz vorweisen konnten, dem es an Entwicklungsmöglichkeiten in der frühen Kindheit fehlte, wird es auch in der Schule nicht leicht haben. Es wird nicht studieren und kein Stück vom exquisiten Kuchen abbekommen.  
Namhafte Bildungsökonomen beweisen: Für die bisherigen Bildungsinvestitionen des Staates gibt es keinen adäquaten Gegenwert - „In den meisten Bildungsbereichen können wir keinen wissenschaftlichen Zusammenhang zwischen eingesetzten Mitteln und Bildungserfolg herstellen.“, so Bildungsökonom Ludger Wößmann. Diese Aussage sei dahingestellt, denn dass Schüler und Studenten sich in neuen, statt in verratzten Klassenzimmern und Hörsälen wohler fühlen bzw. besser lernen, ist nicht messbar. Trotzdem: Das eingesetzte Geld trifft nicht die, die es nötig haben. Es trifft die, die es schon haben. Tatsache scheint: Das deutsche Bildungssystem ist ungerecht und da wären wir wieder bei den Beispielen vom Anfang: Dem Wunschkind aus der Mittelschicht und dem Kind aus dem benachteiligten Milieu. Der Ökonomie-Nobelpreisträger James Heckmann erkannte: Investitionen in die frühkindliche Förderung stiftet viel höhere Gewinne als Investitionen in späteren Bildungsphasen. Zahlt der Staat am Anfang, spart er am Ende. In der Bildungspolitik scheinen all diese wissenschaftlichen Erkenntnisse niemanden zu rühren. Es stört auch keinen, dass sich die Mehrheit der Deutschen – lt. Allensbach Institut 61 Prozent - nach Auflösung des föderalistischen Bildungssystems sehnt. Es wird weiter falsch verteilt und kompliziert strukturiert. Am Anfang gibt es wenig Geld für die gesellschaftlich besser Gestellten, später viel mehr Geld, ebenfalls für die gesellschaftlich Privilegierten. Eine feine Rechnung ist das. Fast ein Viertel der 15-Jährigen in Deutschland kann nicht richtig lesen, schreiben und rechnen. Was nützt es also, Stipendienprogramme aufzusetzen, wenn die Vergessenen der Gesellschaft nicht einmal das Abitur schaffen. Es ist richtig, was Frau Merkel sagt: An Bildung dürfe man auf gar keinen Fall sparen, man müsse investieren. Aber bitte dort wo es wirklich wichtig ist: Am Anfang.
cos

(Quelle: FASZ)