Wir warten auf die U-Bahn, es ist schon spät am Abend, aber noch nicht zu spät. Neben uns auf der Bank sitzen Jugendliche, zwei Mädchen und zwei Jungen; ich schätze zwischen 14 und 16 Jahren. Sie unterhalten sich laut und wir müssen jedes Wort mit anhören. Sie reden über die Traumfigur, eines der zentralen Themen der mit Germanys-next-Topmodel-Idealen infiltrierten Jugend. Eines der Mädchen beginnt nach und nach allen an den Brustkorb zu fassen, um die Größe der Oberweite festzustellen; auch die der Jungen. Es wird schnell klar, dass das andere Mädchen offenbar unzufrieden ist, mit seiner Figur – es sagt zumindest etwas wie: „Wenn ich es schaffe zu sparen, lasse ich das machen!“ Habe ich mir mit 14 auch solche Gedanken gemacht? Sicher. Aber war der Weg zum Schönheitschirurgen auch für mich der einzige Ausweg. Nein. Später in der U-Bahn setzen sie die Unterhaltung fort, diesmal über Nasen. Jenes bedrückte Mädchen beklagt sich nun auch noch über seine Nase und stellt die Frage: „Wie soll ich nur mit dieser Nase durchs Leben kommen?“ Da schaue ich auf. Ich sehe mir ihre Figur an, ihre Nase – es ist ein hübsches Mädchen mit einer entzückenden Nase. Aus der Ruhe gebracht durch den Lauf der Zeit, durch mediale Wüstlinge wie Heidi Klum hänge ich meinen Gedanken nach. Noch in der Nacht beschäftigt mich das Gespräch der Jugendlichen. Das nächste Mal werde ich aufstehen und zu dem Mädchen sagen: „Ich habe eine Modelagentur und ich finde Dich sehr hübsch. Du hast eine zauberhafte Ausstrahlung, nur solltest Du nicht so traurig schauen!“
cos